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Fallwerkstatt
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Die Bochumer Fallwerkstatt

Theorie-Praxis-Transfer im Berufsalltag der Jugendhilfe

Herausforderungen und Risiken der Jugendhilfe und des Kinderschutzes treten meist nur dann zutage, wenn vieles schief gelaufen ist und schwere Verletzungen oder gar Todesfälle zu beklagen sind. Dann ermitteln Staatsanwaltschaften sowie andere Behörden, berichten Medien und werden Schuldige gesucht. Solche tatsächlichen Schadensfälle werden schließlich immer häufiger auch genutzt, um auf Fehlerquellen hinzuweisen. Im Alltag eines Jugendamtes bilden diese aber Ausnahmen ab. Viel häufiger anzutreffen sind hingegen Fälle, die einen „unguten“ Verlauf nehmen. Fälle, also in denen trotz Einzelbetreuung, sozialpädagogischer Familienhilfe oder anderer Unterstützungen keine Verbesserung der Lebenslage von Kindern, Jugendlichen oder Familien erzielt werden kann. Jugendliche bleiben beispielsweise drogenabhängig, Familien schaffen es nicht, den Alltag zu organisieren, Hilfsmaßnahmen werden immer wieder abgebrochen, weil es erst gar nicht gelingt, eine pädagogische Beziehung aufzubauen.

Seit 2013 beschäftigen sich Mitarbeiter/innen des Allgemeinen Sozialen Dienstes in Bochum und der Kinderschutzbeauftragte in Kooperation mit der Evangelischen Hochschule Bochum einmal im Quartal mit solchen „unguten“ Verläufen. Die Evangelische Hochschule hat gemeinsam mit den sozialpädagogischen Fachkräften als Instrument der Qualitätsentwicklung dazu das Konzept der „Fallwerkstatt“ entwickelt. Es soll dazu dienen Risiken in den Blick zu bekommen, mögliche Fehlerquellen und Schwächen der eigenen Arbeit zu erkennen und daraus gemeinsame Lerngelegenheiten zu ermöglichen.

Praktisch heißt das: Ein Team des Bochumer Sozialdienstes bereitet mit zuvor entwickelten Methoden einen „unguten Fallverlauf“ für die Vertreter der Regionaldienste des Jugendamtes auf und analysiert und interpretiert diese gemeinsam mit der Moderation der EvH RWL und dem Kinderschutzbeauftragten der Stadt Bochum. Um einen geschützten Reflexionsraum sicher zu stellen, ist die ASD-Leitung nicht beteiligt und das Vorgehen ist mit dem Personalrat abgestimmt. Professor Dr. Dirk Nüsken trägt nach Aktenstudium und Diskussion eine externe Perspektive vor. Alle Beteiligten formulieren abschließend ihre individuellen Lernerfahrungen. Eine erste Zwischenbilanz ergab bereits einige verallgemeinerbare Fehlerquellen sowie praktische Handlungskonsequenzen. Zum Beispiel die deutlich werdenden Informationsverluste bei Fallübergabesituationen und die deshalb erforderliche persönliche wie strukturelle Aufmerksamkeit im diesbezüglichen Berufsalltag. Klar wurden anhand der analysierten Fälle auch die insgesamt zu wenig eingesetzten sozialpädagogischen Diagnosen, diese Erkenntnis führt aktuell zu entsprechenden Weiterbildungen. Auch für Studierende der EvH RWL ist die Fallwerkstatt ein Gewinn. Ausgewählte Studierende können immer wieder mal an einer Fallwerkstatt teilnehmen oder sich im Rahmen von Haus- oder Abschlussarbeite dem Thema „Rekonstruktive Fallanalysen“ und der Bochumer Fallwerkstatt widmen.

Dauer: seit 01.01.2013
Projektleitung: Prof. Dr. Dirk Nüsken
Kooperation-/Praxispartner: Stadt Bochum, Jugendamt
Transferleistungen des Projekts: Qualitätsentwicklung in der Sozialen Arbeit, Fachtage, Transfer in die Hochschullehre
Ergebnisse/Veröffentlichungen: Fachtagung Stand und Perspektiven rekonstruktiver Fallanalysen, Bochum 26.06. 2015, Projektpräsentation „Durch Fallanalysen aus Fehlern lernen?“ Deutscher Jugendhilfetag, Berlin, 04.06.2014
Darstellung der Fallwerkstatt in: Deutscher Kinderschutzbund NRW (2014): Modelle der methodischen Aufarbeitung von Kinderschutzfällen und der Praxis im Kinderschutz. Überblick, Erkenntnisse und Empfehlungen. S. 17 ff. Wuppertal